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Peter Neumann

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Van Delden - eine Gronauer Geschichte

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Die Van Delden Fabriken

In den sechziger Jahren in Gronau Westfalen aufgewachsen, gab es gut „Klingendes" in meinen Ohren. Die Beatles, Märklin-Eisenbahn, Lego-Bausteine, Fischer-Technik" und die fröhlich spielenden Kinder in der Nachbarschaft. In der Herzogstraße hieß es abwertend, „Klein Russland". Komisch, Russen habe ich dort gar nicht angetroffen und meine Straße war eine „Herzogstrasse", hört sich doch eigentlich ganz nobel an. Die Gegend war OK, der angrenzende Schieferberg, die Schieferkule ein Treffpunkt für Kids, junge Leute, gute Laune, alles lief rund. Mit Charme, ein Mysterium wie es nur Kinder erleben können, traumhaft ein einziges Abenteuer, fantastisch.

In diesem Alter schien mir vieles interessanter als die dunklen Fabrikgebäude des Van Delden Textil Imperiums. Entlang der Losser Straße, ein global operierendes Unternehmen, tägliches Ziel vieler Menschen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gebaut, um aus Baumwolle Textilien herzustellen und tausenden Menschen Arbeit zu verschaffen.Van Delden, Baumwoll-Spinnerei-Deutschland, Eilermark, alles Textil Fabriken und damit wirtschaftlicher Halt einer kleinen Stadt. Sechsundzwanzig tausend Einwohner, zuweilen nicht ganz skandalfrei, direkt an der niederländischen Grenze, einem  Dreiländereck zu Niedersachsen, das Textilreich der Superlative.

So arbeitete sich die Stadt Gronau zu einer Industriestadt hoch, dank der Van Delden Dynastie. Der Euregio-Raum bietet eine hervorragende wirtschaftliche Infrastruktur. Idyllisch ist das Dinkelland, fast ein Erholungsgebiet. Flaches Wiesenreich mit Seen und Landwirtschaft, in der Nachbarschaft zum niederländischen Enschede. Gronau ist eng mit Holland sowie dem Namen Van Delden verbunden. Der ganze Sektor auf Textilien programmiert, das schien über fast ein ganzes Jahrhundert gut zu funktionieren.

In der Stadt gibt es noch einige Villen im Stil des damaligen Groß Unternehmertum. Die Arbeiterhäuser am Stadtrand eher bescheiden. Man konnte sehen, wer Geld hatte, die prächtigen Gebäude waren das Aushängeschild von Gronau mit unverwechselbarer Architektur.

Eine Warnung für mich 

Hohe marode warnende Zäune entlang der Fabriken ließen nichts Gutes vermuten, so dachte ich zumindest. Dass hier alles mit Arbeit zu tun hat war mir damals sofort klar, wahrscheinlich zum Ärger meiner Eltern. Das wäre doch was, etwas solides, eine super Festanstellung in einem global operierenden Textil Unternehmen. 

Ein paar Jahre später war das gesamte Van Delden Imperium komplett pleite, ein Großteil der Gronauer stand auf der Straße, ein Desaster. Die wirtschaftliche Infrastruktur der Stadt wurde mit einer großen Herausforderung konfrontiert, eine Katastrophe. 

Das ist heute vierzig Jahr später noch zu spüren. Die Van Delden Fabriken sind zum großen Teil zu Ruinen verkommen. Ein heißes Eisen, keiner will das anfassen, möchte einer Fehlinvestition verfallen. Zu groß müsste der Geldfluss sein, um die Kehrtwende herbeizuführen. Andere Standorte haben den textilen Schock offensichtlich besser überstanden. In jedem Fall sieht es anders aus. Wie alte Fabriken in benachbarten Städten genutzt werden, ist deutlich effizienter geregelt, im Gegensatz zu Gronau. Das Münsterland ist ein traditioneller Textil-Hotspot, auch das niederländische Enschede ist stark von der Textilindustrie beeinflusst.

Eine Karriere, die ich nie anstreben wollte

Das tägliche Stadtgespräch und die quälenden Erfahrungsberichte zwischen Menschen, die in die Fabrik gingen - so hieß es damals, war der reinste Horror. Wenn einem nichts mehr übrigblieb, war die Fabrik ein Muss. In jedem Fall ein NO GO für mich, wollte ich doch lieber Springreiter werden. Ein Albtraum, ein dunkles Gemäuer auf der einen Seite, ein weißbeiges Kunstwerk namens "Weiße Dame", auf der anderen. Eine subtile fremde Fabrik-Landschaft, die ohne Frage meine Traumwelt beeinflusste. Das war nicht lustig, tatsächlich beängstigend, ein Albtraum ehrlich gesagt. Immer wiederkehrende Erinnerungen, die nicht gehen wollten. Ein Job hinter den dunklen Wänden, keine inspirierende Musik in meinen Ohren.

Es sollte für mich nicht so sein, ich hatte andere Pläne als dort arbeiten zu gehen, niemals. Fast alles was mit Arbeit zu tun hatte, hatte in Gronau zu der Zeit, mit Van Delden zu tun. Wir leben jetzt im Jahr 2019, und ich bin mir ziemlich sicher, dass sowas für diese Generation schwer zu begreifen ist. In den siebziger und achtziger Jahren war das anders. Gegenüber den Fabriken liegt der Bahnhof, heute vollständig saniert - und die gute Nachricht, Züge können tatsächlich aus dieser Stadt heraus und wieder reinfahren. Nordwest Richtung Enschede Holland, in die entgegengesetzte Richtung nach Münster oder Dortmund, ideal.


Nach den Van Delden Absturz ging es in der Stadt entlang der Bahnhofstraße zu Fuß gerne mal Richtung Karstadt. Dort wo sich der ein oder andere Arbeitslose in der Cafeteria gern mal zu einem Gespräch unter Kollegen wiederfand. Eine berufliche Perspektive, die für mich erschütternd war. Apropos "Karstadt", ein Kaufhaus erst in den 70er Jahren errichtet, das gut erhaltene Gebäude wurde erst kürzlich abgerissen. Am Abbruch-Gelände, großartige neue vielversprechende Banner installiert, mit aufwendig bedruckten Einkaufszentren und Geschäftsräumen. Alles vom Feinsten, ein innerstädtisches Upgrade wie im Bilderbuch. Nun sind die Banner erst mal entfernt worden, sind sich die Investoren nicht einig?

Es wird wahrscheinlich früher oder später funktionieren, es wäre schön, weil die Stadt in der Tat etwas zu bieten hat. Das Gronauer Jazzfest, das gibt es schon seit Jahren, und auch die Landesgartenschau fand vor einiger Zeit in Gronau-Losser statt. Es ist eine Menge gemacht worden, die Grachten angelegt, vieles wurde attraktiver gestaltet, das Stadtbild positiv verändert. 

Woanders gelandet

​Zurück in die Vergangenheit, - vielleicht war dieses deprimierende Gefühl der Grund, warum ich in meinen frühen Zwanzigern in Kalifornien gelandet bin. Ich wollte Springreiter werden und nur so musste ich nicht hinter den dunklen Wänden in einer Fabrik arbeiten. Stattdessen war es Malibu an der pazifischen Westküste der USA. Es kann kaum krasser sein. Gronau, Van Deldens Fabrikszenario, - und das Malibu Pferdesport Zentrum. Ich war auf einem Hügel in der berühmten Metropole Malibu im sonnigen Kalifornien angekommen. Ein malerisches Paradies am Stadtrand von Los Angeles, ein Hotspot für den Export von Sportpferden aus dem niederländischen Geesteren. Sie wurden über einen Investor in die Vereinigten Staaten eingeflogen. 

Der Typ war wirklich beeindruckend, bot mir an für ihn zu arbeiten. Danach hatte ich sofort eine Position auf seiner Ranch, flog Anfang der Achtziger in die Staaten. Zweieinhalb Autostunden südlich vom Silicon Valley nähe San Francisco entfernt, ein Mekka aller vorstellbaren Möglichkeiten entlang der Küste. Ob Schauspieler, Springreiter oder Programmierer, in Kalifornien scheint alles möglich zu sein. Zu dieser Zeit kamen die ersten Apple Computer auf den Markt, der Heimcomputer trat seinen Triumph an.

Ich trainierte Springpferde, nahm an Turnieren an der Westküste teil und fuhr mit dem Pferdetrailer durch die Staaten. Ich wusste nicht, dass ich jemals mitten im Schauspieler Paradies Hollywood ein Turnier bestreiten werde. Griffith Park, am Stadtrand von Hollywood war ein Reitsport Hotspot und hatte was zu bieten, es war ein Traum.

Am Sunset Boulevard Richtung Hollywood

​Den Sunset Boulevard entlangfahrend sah ich so viel, wie ich verschlingen konnte. Und ich konnte, weil ich es wollte, weil ich es für mich entschied und nichts konnte meinen Weg kreuzen. Das verdanke ich eigentlich meiner Phobie, denn sie war es, die mich aus meiner Heimatstadt vertrieb. Oder sollte ich sagen, dass sie mich antrieb. Ich habe reiten gelernt, täglich viele Stunden trainiert und damit etwas anderes erreicht. Fünfzehntausend Kilometer weit weg von Gronau, in einem anderen Teil der Welt. Ich denke einige Leser fangen an zu überlegen, „warum hat er das gemacht"? Nun, die Jahre vergingen und auch die Heimat und Gronau hatten mich irgendwann zurück.

Die Lebenserfahrungen haben meine subjektive Gefühlswelt mit der Zeit verändert? Gronau, van Delden, die Fabrik oder „the Factory" das war alles nur eine Fahrt. Ein Roundtrip, aus Gronau hinaus und nach Jahren wieder rein. Nicht ganz, ich wohne heute in Emsbüren im Emsland. Nun bin ich zurück, "ich war nie wirklich weg." Wir wissen, der Text kommt von irgendwoher. Ja, es war Marius Müller-Westernhagen, der den Kummer in einem anderen Kontext sang. Weil wir schon beim Thema Musik sind, ein echter Star kommt aus meiner Heimatstadt. Udo Lindenberg, der waschechte Gronauer, ein Gronaute wie er gerne betont. Einer, der die Fabrikgebäude der Stadt in Erinnerung hat.

The times they are a-changing – Bob Dylan

Nun – „the times they are a-changin" ein Bob Dylan Song aus den Sechziger. Die Zeiten haben sich seit den frühen achtziger Jahren natürlich geändert, die Fabriken mutieren langsam zu Ruinen. Ich möchte nicht sagen, dass ich inzwischen ein alter Mann geworden bin, aber mit sechsundfünfzig Jahren sicherlich nicht mehr ein Teenager. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht die Fabrikstraße, Losser Straße, die Herzogstraße passiere, weil ich wieder einmal die Stadt besuche. Alles in mir hat sich zum Besseren verändert, heute empfinde ich fast eine Demut und Mitleid mit diesen imposanten Fabrikgebäuden. Sie sind Ruinen, verlassene Arbeitsstätte, in denen einmal viel Leben war.

Wie Kinder die zu alte Menschen wurden und es scheint, dass sich niemand mehr um sie kümmern will. Unter Denkmalschutz stehend darf man „verständlicherweise" die Gebäude ohne triftigen Grund nicht betreten. Warum sie unbestreitbar mystische architektonische Meisterwerke von beeindruckender Schönheit sind, ist immer noch erkennbar. Sie haben mich mehr beeinflusst als ich erklären kann. Eine subtile Eleganz, eine bezaubernde Größe und Präsenz. 

Als ich kürzlich durch die Straßen in der Nähe der Fabriken fuhr, kam mir in den Sinn, wie es wäre ein IT-Zentrum, ein Campus daraus zu machen. Mit grünen Rasenflächen und komplett renovierten Gebäuden, Cafeteria und High-Tech-Arbeitsplätzen, Studienplätzen, Hörsälen usw.

Ideal gelegen der Gronauer Bahnhof, Verbindung zur Welt nach draußen. Amsterdam, Münster, Dortmund alle Zugverbindungen direkt vor den Eingangstüren der alten Fabriken.

Das Tor zur Welt

​Platz und Möglichkeiten ohne Ende. Ein riesiges Gebiet mit hervorragenden Chancen innovativer Ideen, es scheint sich dennoch nichts zu bewegen. Die Anleger versuchen seit Jahren die Dinge in Bewegung zu bringen. Wie es scheint ohne große sichtbare Veränderung. Teilweise nimmt ein Gemüseunternehmer was in die Hand, hat eine nagelneue Halle auf dem Gelände gebaut. Alles andere wäre finanziell wahrscheinlich nicht zu realisieren. Vermutlich fehlt es tatsächlich an Geld. Dass die Sanierung einige mehr Millionen kosten könnte, sollte klar sein. Es wäre der Menlo Park in Gronau, mit wirtschaftlicher Anbindung, ein Hotspot perfekt gelegen. Eine IT-Kultur von Gründern und Erfindern, die in ehemaligen Fabrikgebäuden alles programmieren, lernen, neues schaffen. Nun, ein bisschen Traurigkeit, Größenwahn und Träumerei gebe ich ja zu. 

Ich habe in Kalifornien gelebt, sagte ich bereits. Und nicht nur rumgesponnen sondern erfahren wie sich ein subtil destruktives Bild ändern kann. Die Startup-Szene in der Bay Area bei San Francisco ist bekannt für unvorstellbare Ideen. Die Amerikaner behaupten, die Deutschen seien kluge Leute. Deutschland ist ein Land der Top Produkte z.B. Automobile. Facebook, Twitter, Snapchat sind alles verrückte Ideen die gar nicht historisch so fundiert sind. Softwarefirmen wie SAP oder Microsoft haben Produkte entwickelt, die nicht so verspielt sind. Trotzdem hat Facebook fast zwei Milliarden User, sprengt alle Rekorde. Ein soziales Netzwerk ist keine Mark Zuckerberg Erfindung. 

Virtuelle Communitys gab es schon lange vor Facebook, der immense Erfolg war von Mark Zuckerberg ein intelligenter Harvard Student, nicht geplant. Es war die Idee, was daraus entstanden ist, mit einer unvorstellbaren Dynamik und globaler Ausbreitung. Silicon Valley Startups entstehen auf diese Weise, das können wir uns in Deutschland kaum erklären. Es wird einfach nicht so viel kritisiert und totgeredet. 

 Neuaufbau der Fabriken

Ist es Zufall, dass bis jetzt keine großartige Idee zur Renovierung der Van Delden Fabriken geführt hat? Des wirtschaftlichen Zwecks als Textilunternehmen ursprünglich gebaut, haben 70% der maroden Fabrikgebäude keine Renovierung durchgemacht. In diesem riesigen Gebiet, Bauwerke von einer derartig imposanten Größe ohne Kapital zu restaurieren scheint undenkbar. Die Gebäude aus ihrem Kontext zu reißen und Stück für Stück zu verscherbeln, passt nicht in das Stadtbild, wäre tatsächlich eine historische Katastrophe.

Eine Stadt ein Bild

Das Van Delden Bild, welches die Stadt Gronau ursprünglich prägte, sollte erhalten bleiben. Es wird als Erinnerung in architektonischer Harmonie und im Sinne von van Delden eines Tages renoviert werden. Dies erfordert immense finanzielle Quellen, eine kleine Stadt kann das ohne großartige Ideen finanziell nicht stemmen. Wir sind nicht im Silicon Valley, das verstehe ich gut. Allerdings wirken der folgende Spruch und die darauffolgende Dokumentation inspirierend auf mich.

"Silicon Valley is just a state of mind"

Ympact - Global Startups, Entrepreneurs, and Changemakers

A state of mind

Das kommt eigentlich aus einer englischen Dokumentation, und bedeutet so viel wie „das Silicon Valley ist eigentlich ein Geisteszustand in uns". Ich bin sicher, es wäre im Interesse der Familie Van Delden, wenn eines Tages Realität werden würde, was zumindest in der Vorstellung möglich ist. Mit dem WZG (Wirtschafts Zentrum Gronau) und dem IGZ (Innovations Zentrum Gronau) hat die Stadt  bewiesen das es funktioniert. Vorstellungskraft kann Wirklichkeit werden, mit dem WZG und IGZ ist es passiert. 


 Es wurd schon viel erreicht

Zahlreiche Unternehmen und Startups nutzen die Einrichtung als Einstieg in die unternehmerische Karriere. Die Gebäude wurden seit den neunziger Jahren permanent renoviert, das WZG erstrahlt in neuem Glanz. Es ist zu hoffen, dass junge Unternehmer die Chance ergreifen werden. Wenn Sie durch das WZG gehen, können Sie den alten Glanz der Van Delden Textil Fabriken fühlen.

Majestätische Stahlpfeiler die das Gebäude zusammenhalten, lange Korridore, riesige Räume. Authentisch, mit dem Charme vergangener Jahre, dem guten Willen ein Stück Unternehmertum der großen Van Delden Dynastie zurückzubringen.

Geschrieben von Peter Neumann

Das Silicon Valley
 
 
 
 

 


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